90 Jahre Bulldog

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28.Wanderausstellung der DLG in Leipzig vom 16.-21.Juni 1921

Dr. Fritz Huber, Schöpfer des Bulldog

von Wolfgang Wagner

Der erste selbstfahrende Schwerölmotor der Welt und sein genialer Konstrukteur Dr.Ing. Fritz Huber

Als der Bulldog laufen lernte, hatten das Laufrad von Carl Drais und das Automobil von Benz in Mannheim, der Stadt der Erfinder, bereits ihre Premiere absolviert. Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Stadt im Jahre 1986 mit einer Sonderausstellung -"1oo Jahre Automobil" - wurde Dr. Ing.Fritz Huber vom dortigen Verkehrsverein für seine Verdienste innerhalb einer dynamischen Epoche der Mannheimer Wirtschaft und Technik als „Schöpfer“ des Lanz-Bulldog geehrt und gewürdigt. Auf dem Ausstellungsplakat ist Huber mit seinem "Bulldog" gleichrangig neben Benz und Drais abgebildet.

Der im Zweitakt-Verfahren arbeitende  Glühkopfmotor war im Prinzip schon "erfunden" und kam bei „Langsamläufern“ als stationärer Motor- sowie im Schiffsbau zur Anwendung. Der englische Ingenieur H.A. Stuart erhielt 1891 ein Patent auf diese Sonderform einer Verbrennungs-Kraftmaschine im mittleren Druckbereich. Dieser Motortyp steht zwischen den Grundbauarten des Otto- und Dieselmotors. Der Glühkopfmotor verdichtet mäßig und spritzt unter Niederdruck vor dem Einsetzen der kraftleistenden Verbrennung ein. Die Zündung erfolgt in einer nasenförmigen Ausformung unterhalb des  Zylinderkopfes - nur diese wird  zum Anlassen des Motors zunächst mit einer Heizlampe "vorgeglüht". Nach dem Start arbeitet der Motor ohne "Fremdzündung" sicher weiter. Die Vorzüge dieser Antriebsmaschine liegen in seiner „einzigartigen Kraftstoffgleichgültigkeit“ sowie in der Einfachheit und Robustheit seines konstruktiven Aufbaus. Huber erkannte die Verwendbarkeit einer solchen Maschine für die Landwirtschaft  und löste das Problem der unbefriedigenden Leerlaufeigenschaften schon vor seiner Tätigkeit in Mannheim bei der Firma Bacherich u. Co. in Wien durch das von ihm entwickelte Prinzip der „verstellbaren Einspritzdüse" .

Geboren in Wasserburg am Inn besuchte er die Industrieschule in München und verließ zum Anfang des neuen Jahrhunderts die Hochschule als junger diplomierter Ingenieur.

Die gerade beginnende Phase des Automobilbaus ging einer ungebremsten Entwicklung entgegen. Im Motorenbau boten sich Huber bei der Fa.Gade in Magdeburg und den Climax-Werken in Wien erste Möglichkeiten, an der Konstruktion von unterschiedlichen Motorbauarten wie auch an Glühkopfmotoren mitzuwirken. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Fritz Huber als Leiter einer Sanitätskolonne eingezogen.

In die Dienste der Firma Heinrich Lanz trat er dann 1916 eher zufällig ein, nachdem er verwundet als Heimkehrer den "ersten  besten" Zug in Wasserburg bestieg und in Mannheim landete. Dr. Karl Lanz zeigte Interesse an den Ideen von Huber und machte ihn neben zwei Konstruktionsgruppen zum Leiter einer 3.Entwicklungsgruppe von verbesserten Zug- und Antriebsmaschinen für die Landwirtschaft. Eine Gruppe brütete über den Benzinmotor bis 20 PS, die andere an einem Benzinmotor von 30 PS. Kriegswichtige Produktion hatte Priorität. Material- und Finanzierungsschwierigkeiten zwangen zunächst alle Fertigungsziele auf Zugmaschinen für die Artillerie. Hubers Versuche mit einem großvolumigen, einzylindrigen Glühkopfmotor fielen bald dem historisch überlieferten "Verschrottungsbefehl" der Direktion zum Opfer. Nach Einschätzung der Firmenleitung wurden nach den Erfahrungen mit der 30 PS Landbaufräse und anderen Zugmaschinen wie dem Landbau- und Feldmotor dem mehrzylindrigen Benzinmotor die größeren Zukunftsaussichten eingeräumt. In Amerika bewährte sich der benzingetriebene  mehrzylindrige Schleppermotor bereits in betriebssicheren Großserien. Die Verhältnisse in Deutschland lagen jedoch anders. Fritz Huber setzte aber mit seinem bayrischen  Dickschädel bei Dr. Karl Lanz die Rücknahme des Verschrottungsbefehls für seine Maschine durch. Er vertrat vehement die  Auffassung, dass der "schnelllaufende und empfindliche Ottomotor" nicht die richtige Maschine für die Landwirtschaft sei. Seine Erfahrungen mit dem Landbaumotor, über die er 1920 in seiner Doktorarbeit über „Erschütterungen schwerer Fahrzeuge“ an der Technischen Hochschule München promovierte, bestätigten ihn darin. Das Konzept eines zweizylindrigen Gegenkolbenmotors, den er (ähnlich Junkers) zunächst auf dem Reißbrett konstruierte, gab er trotz seiner guten Eigenschaften, insbesondere seiner großen Standruhe im Leerlauf, wieder auf und ging zu dem einfachsten aller Motoren, dem Einzylinder-Zweitakt-Motor über. Seinen Kritikern, die auch im Werk nicht fehlten, pflegte er zu sagen: “Der Motor für die Landwirtschaft kann nicht einzylindrig genug sein“, oder anders ausgedrückt: “Die Landmaschine ist einfach, oder sie ist keine Landmaschine“. Die unaufhaltsame Erfolgsgeschichte des Bulldog nahm ihren Lauf!

Seine erste öffentliche Präsentation erfolgte auf der 28. Wanderausstellung der DLG in Leipzig vom 16.-21.Juni 1921. Auf dem Stand Nr.56 konnte das Fachpublikum 3 Maschinen im zuverlässigen Betrieb auf der Freifläche bestaunen, ganz im Gegensatz zur misslungenen Generalprobe auf dem Mannheimer Fabrikhof, wo Huber die Maschine vor wartenden Journalisten beim Startvorgang rückwärts in die Dekoration gesetzt haben soll.

Wegen seines ungewöhnlichen äußeren Erscheinungsbildes drängte sich beim Anblick der selbstfahrenden Arbeitsmaschine der Vergleich mit einer " grimmig schauenden" Bulldogge auf. Unter Hinweis auf sein "tierisches Vorbild" tauften ihn nach unbestätigten Überlieferungen Arbeiter auf dem Lindenhof auf den Namen "Bulldog". Der erste 12 PS Bulldog als universal einsetzbare fahrbare Kraftquelle mit einem wassergekühlten, liegenden, einzylindrigen Glühkopfmotor entwickelte sich zu einem der berühmtesten Traktoren der Welt. In seiner sechsjährigen Bauzeit verließen über 6000 Exemplare das Werk. Die unaufhaltsame Erfolgsgeschichte des Bulldog nahm ihren Lauf!

Er war aber als selbstfahrende Antriebsmaschine für Dreschmaschinen, Buschhacker, Steinbrecher und andere und als Zugmaschine auf Straßen und Plätzen, nicht aber für den Acker konstruiert worden. Für solche zusätzlichen Aufgaben musste er weiter entwickelt werden. Durch den Erfolg der HP-Maschine beflügelt, konstruierte Huber ab 1923 den 15 PS–Ackerbulldog mit Vierradantrieb, Knicklenkung und Verdampferkühlung, der problemlos einen Mehrscharpflug über den Acker ziehen konnte. Dieser Schlepper war konstruktiv seiner Zeit voraus. Trotzdem blieb die Nachfrage aus mehreren Gründen enttäuschend. Seine Vorstellung fiel in eine wirtschaftlich schwierige und darum geldknappe Zeit. Für Gutsbetriebe war er zu schwach und für Bauernhöfe zu teuer. Die Produktion endete mit der Fertigung von 723 Exemplaren. Auch dem „kleinen Bruder“ Mops mit 8 PS, einer identischen Verkleinerung des 12 PS Motors, blieb mit 249 Exemplaren kein Erfolg beschieden. Der Durchbruch in die Großserienfertigung gelang Lanz 1926 mit der Einführung des 22/28 PS Groß–Bulldogs, von dem innerhalb kürzester Zeit über 7ooo  Maschinen gebaut und auch im Ausland sowie in Übersee vertrieben wurden. Der Glühkopfmotor im Lanz-Bulldog  setzte sich äußerst erfolgreich  in der deutschen Landwirtschaft durch und verlieh dem Schlepperbau mit der zunehmenden Mechanisierung bäuerlicher Betriebe entscheidende Impulse. Die Entwicklung bei Lanz bis in die 50er Jahre basierte ausschließlich auf der genialen Grundkonzeption des „Huber-Motors“. Baugruppen des ersten Rohölschleppers wie Einspritzdüse, Achsregler und Düse wurden im Funktionsprinzip unverändert in spätere Schleppertypen übernommen. Der Name „Bulldog“ entwickelte sich zu einem Synonym für den Ackerschlepper schlechthin und fand mit dieser Bezeichnung die Aufnahme auch in den Duden. Nachbauten und Lizenzfertigungen adelten das kühne Konstruktionsprinzip nachhaltig. In jeder dieser Maschinen befindet sich der Geist seines „Schöpfers“ Dr.Ing.Fritz Huber, dem der Bulldog das„Laufen Lernen“ zu verdanken hat. In Lebenserinnerungen hielt er fest: "Nichts war so schwer wie die Anfangsjahre der Tätigkeit, als es galt, einen Rohölmotor unter Verhältnissen zu bauen, wie sie durch die wirtschaftliche Lage gegeben war." Die Schöpfung des Bulldog war nicht wie die der Erde nach sechs Tagen beendet sondern dauerte  bis zum konstruktiven Höhepunkt der 40 PS Bulldogs (D 4016) im Jahre 1956 an.